Von der Wissenschaft in die Praxis: Fachimpulse aus Helsinki

„Mental health at work: From research to policy and practice“– unter diesem Titel fand die diesjährige Konferenz der European Academy of Occupational Health Psychology (EAOHP) in Helsinki statt.
Hinter diesem Namen verbirgt sich die europäische Vertretungsinstanz für das gleichnamige Fachgebiet der Arbeitspsychologie. Klingt wichtig? Ist sie auch. Denn hier kamen bereits zum 17. Mal Forschende aus ganz Europa und darüber hinaus zusammen, die ein gemeinsames Ziel verbindet: die Erforschung und Förderung der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz.
Der Austausch und die Diskussion arbeitspsychologischer Forschungserkenntnisse dienen vorrangig dem Zweck, diese in die berufliche Praxis zu überführen und damit schlussendlich die Gesundheit jedes und jeder Einzelnen zu fördern.

Mit dabei waren auch unsere Kolleg:innen Ivon Ames, Jan Dettmers und Christiane Stempel. Sie präsentierten ihre aktuellen Studien, diskutierten mit internationalen Expert:innen und brachten spannende Impulse für die Praxis mit – und das aus Finnland, dem laut World Happiness Report glücklichsten Land der Welt. 🇫🇮

 

Warum arbeiten Menschen gegen ihre eigene Gesundheit?

Jan Dettmers zu selbstgefährdendem Arbeitsverhalten

In einem Symposium stellte Jan Dettmers aktuelle Forschungsergebnisse zu selbstgefährdendem Arbeitsverhalten vor. Im Fokus stand die Frage, welche Faktoren Beschäftigte dazu bewegen, trotz Erschöpfung Überstunden (Mehrarbeit) zu leisten oder auf notwendige Erholung (z. B. in Form von Freizeitaktivitäten) zu verzichten
Die Erkenntnis: Arbeitnehmende, die in der Mitte ihres Arbeitstages erhöhten Zeitdruck erleben, zeigen am Abend eher selbstgefährdendes Arbeitsverhalten, indem Sie länger arbeiteten oder nach Feierabend auf Freizeitaktivitäten sowie soziale Kontakte verzichteten.

Die Gefahr durch selbstgefährdendes Arbeitsverhalten bleibt anfangs unterschwellig. Da Betroffene selten unmittelbar negative Emotionen zeigen, wird das Risiko oft unterschätzt. Es wird angenommen, dass sich die emotionale Belastung stattdessen schleichend über einen längeren Zeitraum aufbaut. Wodurch selbstgefährdendes Arbeitsverhalten mittel- bis langfristig eine Gefahr für die Gesundheit darstellt.

Wann wird psychische Belastung zum Risiko?

Jan Dettmers zu Grenzwerten für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung

 Ein weiteres Symposium widmete sich der Entwicklung von Referenz- und Grenzwerten für psychosoziale Belastungsfaktoren. Jan Dettmers stellte hierzu eine gemeinsame Studie mit Ivon Ames vor. Analog zu physischen oder chemischen Gefährdungen soll genau bestimmt werden können, ab wann die psychische Belastung konkrete Schutzmaßnahmen erfordert.
Die Erkenntnis: Aggregierte Durchschnittswerte einer Gruppe (z. B. eines Teams) für psychosoziale Stressoren und Ressourcen hängen direkt mit dem individuellen Risiko für Burnout und psychosomatischen Beschwerden zusammen.

Bedeutet konkret für die Praxis: Grenzwerte, die ursprünglich zur Einschätzung individueller Risiken entwickelt wurden, können auch zuverlässig auf Team- und Bereichsebene eingesetzt werden. Überschreitet bspw. der Durchschnittswert für Arbeitsunterbrechungen in einem Team den entsprechenden Grenzwert, müssen dort gezielte Maßnahmen zu deren Verringerung ergriffen werden. Damit bilden die Ergebnisse eine fundierte wissenschaftliche Grundlage für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung in Unternehmen, indem sie eine präzisere Interpretation von Analysedaten und klare Leitlinien für gezielte, strukturelle und nachhaltige Interventionen vorgeben.

Führungskräfte: Mehr Ressourcen, aber auch besondere Risiken?

Christiane Stempel über Kontextfaktoren von Führung und Gesundheit
Christiane Stempel präsentierte die gemeinsam mit Ivon Ames erarbeiteten Forschungsergebnisse zum Beziehungsgefüge zwischen Führung und Gesundheit. In der Studie wurde untersucht, wie Kontextfaktoren, wie beispielsweise Informationsüberflutung, diese Dynamik prägen.
Allgemein zeigte sich, dass sowohl bei Führungskräften als auch bei ihren Mitarbeitenden belastende berufliche Anforderungen die emotionale Erschöpfung verstärken, während berufliche Ressourcen ihr entgegenwirken.

Es zeigte sich jedoch ein interessantes Paradoxon:
Führungskräfte verfügen im Vergleich zu ihren Mitarbeitenden über ein höheres Maß an beruflichen Ressourcen wie Autonomie, Aufgabenvielfalt, Feedback und Anerkennung. Trotz dieses Plus an Ressourcen reagieren Führungskräfte empfindlicher auf spezifische Belastungsfaktoren. Das Risiko für emotionale Erschöpfung ist bei ihnen infolge von Informationsüberflutung und emotionaler Dissonanz (dem Zeigen von Gefühlen, die nicht mit dem inneren Erleben übereinstimmen) signifikant höher als bei Mitarbeitenden ohne Führungsfunktion.

Relevanz für die Praxis: Risikoprofile variieren je nach Aufgabenprofil stark. Das gilt besonders, wenn man neben den Fachaufgaben auch Führungsaufgaben zu bewältigen hat. Daher sollten Führungskräfte und Mitarbeitende im Rahmen von Risikoanalysen, wie der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, als getrennte Analysegruppen betrachtet werden.

Fazit: Forschung als Fundament gesunder Arbeit

Der Kongress hat einmal mehr verdeutlicht: Fundierte arbeitspsychologische Forschung bildet das unverzichtbare Fundament für die Gestaltung gesunder Arbeitswelten. Wir freuen uns, Teil dieses großartigen Events und des internationalen Austauschs gewesen zu sein!

Jan Dettmers 

Diplom-Psychologe, Leiter des Lehrstuhls Arbeits- und Organisationspsychologie der Fakultät für Psychologie der FernUniversität Hagen und Gründer von EVAO.

Sein Forschungsschwerpunkt ist die Gestaltung gesunder Arbeit, was sich in zahlreichen Publikationen und Referenzprojekten widerspiegelt. Jan Dettmers ist Schöpfer eines re­nom­mierten Analysetools, des wissen­schaftlich validierten Fragebogens zur Gefährdungs­beurteilung psychischer Belastungen (FGBU; Dettmers & Krause, 2020) und verfügt über umfangreiche Erfahrung aus zahlreichen Forschungs- und Praxisprojekten zur Gefährdungs­beurteilung psychischer Belastungen.

Darüber hinaus verfügt er als systemischer Organisations­entwickler über langjährige Expertise in der Beratung von Unternehmen bei der Arbeitsgestaltung und in Veränderungs­prozessen.